Die Geschichte der Russisch-Orthodoxen Gemeinde Hl. Alexander Nevskij in Stuttgart ist untrennbar mit der Geschichte des Pragfriedhofs verbunden — und reicht zugleich tief in die russisch-württembergische Beziehungsgeschichte des 19. Jahrhunderts hinein. Was einst als kleine Aussegnungskapelle einer bürgerlichen Begräbnisstätte errichtet wurde, ist heute ein lebendiger Ort orthodoxer Liturgie nach altem Brauch, in dem Kirchenslawisch und Deutsch in einer einzigen, ungeteilten Stimme erklingen.
Russische Wurzeln am Württembergischen Hof
Die orthodoxe Präsenz in Württemberg geht auf das Jahr 1816 zurück, als die russische Großfürstin Katharina Pawlowna — Schwester des Zaren Alexander I. und spätere Königin von Württemberg an der Seite König Wilhelms I. — in Stuttgart einzog. Nach ihrem frühen Tod im Januar 1819 wurde 1824 zu ihrem Gedächtnis auf dem Rotenberg oberhalb Stuttgarts die heutige Grabkapelle der Königin Katharina geweiht. Mit ihr begann die ununterbrochene Tradition russisch-orthodoxen Gottesdienstes auf württembergischem Boden.
Eine zweite, ebenso bedeutsame Wurzel verläuft über Königin Olga Nikolajewna, die Tochter Zar Nikolaus' I., und über ihre Nichte Herzogin Wera. Nach Olgas Tod setzte sich Wera für den Bau einer eigenen russisch-orthodoxen Kirche im Stuttgarter Stadtgebiet ein, der 1895 mit der Weihe der Kathedrale des Hl. Nikolaus an der Seidenstraße seinen Höhepunkt fand.
Die Kapelle im Pragfriedhof — eine Brücke zwischen den Welten
Der Pragfriedhof selbst wurde 1873 angelegt und gilt bis heute als kulturhistorisches Gesamtkunstwerk: an seinen Kreuzachsen stehen die Jugendstil-Anlage des Krematoriums (eröffnet 1907 nach Plänen von Wilhelm Scholter) und unsere heutige Pfarrkirche einander gegenüber. Die Kapelle, in der wir heute die Göttliche Liturgie feiern, wurde ursprünglich als Aussegnungshalle errichtet. Erst Jahrzehnte später, unter Eindruck der wachsenden orthodoxen Diaspora und in besonders enger Verbindung zum Erzbistum der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa, wurde der Raum zur eigenständigen orthodoxen Pfarrkirche umgewidmet.
Die Wellen der russischen Emigration
Nach der Oktoberrevolution 1917 und besonders nach dem Zweiten Weltkrieg fanden viele orthodoxe Christen — aus Russland, aus der Ukraine, aus Weißrussland, aus Bessarabien — in Süddeutschland eine neue Heimat. Sie brachten ihre Ikonen, ihre Gesangstraditionen und vor allem ihre unerschütterliche Treue zum Julianischen Kalender mit. Auf württembergischem Boden bildete sich eine Gemeinde, die zunächst in Privatwohnungen, in geliehenen Räumen und auf Friedhöfen ihre Heiligen Mysterien feierte — geprägt von der gleichen geistlichen Haltung, die im fernen Paris die berühmte Theologische Hochschule Saint-Serge und die Alexander-Newski-Kathedrale an der Rue Daru getragen hatte.
Das Erzbistum — Paris, Konstantinopel, Moskau
Unsere Pfarrei steht in einer kirchenrechtlich bewegten Tradition. Das „Erzbistum der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa" mit Sitz in der Alexander-Newski-Kathedrale zu Paris entstand aus den Gemeindegründungen jener russischen Emigranten, die nach 1917 nach Westeuropa geflohen waren. 1931 unterstellte sich das Erzbistum unter Metropolit Evlogij dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel — eine Notlösung, die rasch zur prägenden Identität wurde.
Achtzig Jahre lang blieb das Erzbistum unter konstantinopolitanischer Jurisdiktion. Am 27. November 2018 jedoch beschloss die Synode in Konstantinopel überraschend die Auflösung des Exarchats. In einer außerordentlichen Generalversammlung lehnte der überwiegende Teil der Geistlichkeit und der Laien diese Entscheidung ab; im Herbst 2019 vereinigte sich das Erzbistum unter Erzbischof — heute Metropolit — Johannes von Dubna mit dem Moskauer Patriarchat als autonome Struktur. Unsere Gemeinde in Stuttgart hat diesen Weg, in Gemeinschaft mit den Schwestergemeinden in Düsseldorf, Balingen, Albstadt und Krumbach, treu mitgegangen.
Eine zweisprachige Gemeinde — slawisch und deutsch
Während die Schwestergemeinden in Düsseldorf, Balingen, Albstadt und Krumbach ihre Gottesdienste vollständig auf Deutsch feiern, hat sich Stuttgart als einzige Gemeinde unseres Erzbistums in Deutschland für die durchgehende Zweisprachigkeit entschieden: das Kirchenslawische der jahrhundertealten Tradition verbindet sich Vers für Vers mit dem Deutsch unserer heutigen Heimat. Dieser bewusste Brückenschlag ermöglicht es Konvertiten, Kindern der zweiten und dritten Generation und neu Eingewanderten gleichermaßen, zu Hause zu sein.
Heiliger Alexander Nevskij — unser Schutzpatron
Unsere Kirche steht unter dem besonderen Schutz des heiligen rechtgläubigen Großfürsten Alexander Nevskij († 1263). Wir gedenken ihm zweimal im Jahr nach dem Julianischen Kalender: am 23. November (Hauptfest, der Tag seiner Entschlafung) sowie am 12. September (Tag der Überführung seiner Reliquien nach Sankt Petersburg). Diese Feste sind die geistlichen Höhepunkte unseres Gemeindelebens, an denen sich unsere Verbundenheit mit dem heiligen Fürsten, Verteidiger der Orthodoxie an der Newa, in besonderer Weise erneuert.
Heute
Heute ist unsere Pfarrei eine lebendige Gemeinde aus Menschen vieler Herkünfte und Generationen, die durch denselben Glauben verbunden sind, den die heiligen Väter uns überliefert haben. Wir feiern die Göttliche Liturgie an Sonntagen und Hochfesten, die Vesper am Samstagabend, die Große Komplet in der Großen Fastenzeit und die Lichte Matutin der Heiligen Pascha-Nacht. Daneben gibt es regelmäßige Gesprächskreise, Beichten im Anschluss an die Vesper und die Heiligen Mysterien (Taufe, Myronsalbung, Trauung, Ölweihe) auf Anfrage. Unser Förderverein „Freunde der Orthodoxen Kirche russischer Tradition in Württemberg e.V." trägt die finanzielle und organisatorische Last der Gemeindearbeit.
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." — Matth. 18, 20